„Aus! und RAUS!“ – ein Selbstversuch

Am 10.06.19 habe ich mir zum ersten Mal „Aus! und Raus!“ auf die Fahne geschrieben – und so ist es mir dabei ergangen:

Der frühe Vogel kann mich mal.
Und „Aus! und Raus!“ auch!

In der vergangenen Nacht haben die Sorgenteufelchen auf meiner Hirnrinde Samba getanzt und mir den Schlaf geraubt. Mit verquollenen Augenschlitzen starre ich mein müdes, missmutiges Spiegelbild an und beschließe, heute mal aber mal ganz kräftig auf mein selbstauferlegtes „Aus und Raus“ zu husten. Ich will heute träge auf der Couch sitzen, im Internet daddeln, meinen Freunden via WhatsApp mein Leid klagen und gepflegt in Selbstmitleid versinken.
Bitteschön.

„Halt, halt!“ ermahnt mich eine meiner zahlreichen inneren Stimmen „gerade in schwierigen Zeiten ist so‘ ne Auszeit wichtig. Gerade dann, wenn man das Gefühl hat, das Leben nun aber wirklich keine einzige Sekunde mehr aushalten zu können. Gerade dann muss man sich erholen und Kräfte sammeln, um Probleme stemmen zu können und sein Schiff durch stürmische See segeln zu können. Wenn man rumlungert und Trübsal bläst, entladen sich die inneren Akkus nur weiter und weiter – und am Ende geht gar nix mehr. Only action brings satisfaction – also AUS! Und RAUS!“

Frühstück im ‚Café zum Katzengarten‘
– statt Kaffee am PC

Trotz leichter Restmuffeligkeit komme ich nicht umhin, der inneren Stimme beizupflichten. Also drehe ich meinem Smartphone den Hals um und greife mir meinen Morgenkaffee. Normalerweise schlürfe ich mein koffeinhaltiges Heißgetränk morgens am Schreibtisch und scanne dabei meine E-Mails. Heute schlürfe ich im Garten, schaue meiner Katzen-Rasselbande beim Herumkugeln in der Morgensonne zu und lausche den Vöglein. Ist auch nicht schlecht. Wenngleich ich doch eine leise Unruhe beim Gedanken an zwölfzigtausend (mindestens!) neue Mails verspüre, von den nicht-leer-gelesenen Facebooknews und unangeglotzten Instagrambildchen ganz zu schweigen. Aber die muss dann halt heute mal jemand anderes anglotzen – ich bin raus.

Für heute steht – wen wunderts! – Wandern im Wiedtal auf dem Programm. Die Wolkendecke grinst mich hämisch an. „Tja. Da guckste blöd, gell? Du hast keine Ahnung, was wir heute mit dir vorhaben. Wir könnten uns zu einem Gewitter zusammenbrauen. Und dich pitschepatsche nassregnen. Vielleicht verziehen wir uns auch einfach wieder und hinterlassen nichts als himmelblaues Wohlgefallen. Und lassen den Osram ordentlich auf dich herunterbrennen.Wer weiß das schon?“ Meine Wetter-App, die würde das wissen. Aber die ist genauso Aus-und-Raus wie ich. Blöd. Hätte ich mal abends draufgucken sollen, ich Dämel.

Ich packe einfach Regenjacke und Sonnencreme in den Rucksack und mache mich auf, auf, dem Wanderglück entgegen. Charmanterweise werde ich heute ein Stück des Weges von Herzmann und Herzhund begleitet und so komme ich gar nicht erst in Versuchung, „nur mal ganz schnell“ das Mobilchen wieder einzuschalten, um „nur mal ganz kurz“ draufzugucken. Trotzdem fühlt es sich irgendwie komisch an. Aber auch gut, auf ’ne Art. Die Welt da draußen kann mich heute nicht erhaschen, alle Kanäle sind dicht. Ätschbätsch.

‚Den Moment genießen’…
viel wichtiger als ’sofort in die Welt brüllen‘.

Es gibt tatsächlich kaum eine (oder, wenn wir bei der Wahrheit bleiben wollen, eher KEINE) Entdeckung, keinen besonders schönen Anblick oder keine Anekdote, die ich nicht sofort in die Welt hinauströte. Sei es als Sprachnachricht an den Herzmann, als Foto zu Freunden oder gleich mit Hashtag auf Instagram. Genauso gut passiert kaum etwas, worüber ich mich ärgere, was ich nicht gleich wieder über irgendeinen Kanal rausbrülle.

Nachdem sich der Herzmann und das Hundetier nach 7 Kilometern in den wohlverdienten Wanderfeierabend verabschiedet haben, fällt mir überdeutlich auf, wie oft ich auf dieser Wanderung im Normalfall nach dem Smartphone gegrabscht hätte. Schließlich muss ich doch UN-BE-DINGT! meiner Freundin mitteilen, wie schön es hier gerade ist. Und ein Foto für Instagram knipsen. Und mal fix googeln, was das am Wegesrand für eine Pflanze ist und warum diese Hütte heißt, wie sie heißt. Und bei der Vesperpause mal schnell die neuesten Unwichtigkeiten auf Facebook durchscrollen.

Mein Gefühl ist eine verrückte Mischung aus „verloren“ und „befreit“, die am Ende dann doch glücklicherweise in „entspannt“ mündet.
Am Abend fühlt sich mein Geist deutlich klarer an als an den meisten anderen Tagen, so als hätte ein innerer Putzteufel mal gründlich staubgewischt, unnützen Kram weggeräumt – und nix Neues dazugestellt.

Wie man in die Welt ruft….ähm, so ruft sie hinaus?

Als ich am Abend mein Smartphone wieder einschalte, erwarte ich die übliche Flut an Benachrichtigungen, Mails und Nachrichten. Aber siehe da…nur 2 WhatsApp-Voicemails und eine Handvoll Spam. Ich habe nix verpasst, die Welt dreht sich auch weiterhin und ich bin vielleicht gar nicht so unfassbar unabkömmlich, wie ich immer denke.

Und ganz leise im dunklen Hinterstübchen flüstert mir ein Stimmchen zu, dass einem nicht unerheblichen Teil der vielen Mails und Nachrichten vielleicht, vielleicht gar nicht meine eigene unglaubliche Wichtigkeit zugrunde liegt, sondern eventuell gegebenenfalls auch mitunter bloss eine Reaktion auf mein unablässiges Sendungsbedürfnis ist.
Vielleicht war die Welt heute mal genauso froh, ihre Ruhe vor MIR zu haben, wie ich vor IHR.
Möglich wär’s.

Was für ein spannender, ruhiger, lehrreicher Tag.
DAS mache ich mal wieder!


Komm‘ doch einfach mit zu Doktor Wald!

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