8 bis 20 – oder „Aus und raus!“

„In der Stille werden die wahrhaft großen Dinge geboren.“
(Thomas Carlyle)


Kürzlich habe ich gelesen, dass Otto Normalhandyfummler im Durchschnitt 1,6 Stunden täglich mit seinem Smartphone online ist, mancher sogar bis zu 4 Stunden und mehr. Zuerst habe ich ein bisschen spöttisch über diese Zahlen geschmunzelt und unter „Übertreibung“ in dem hirneigenen Ablagekästchen einsortiert. Aber nachdem ich mich selbst ein bisschen dabei beobachtet habe, wie oft ich täglich mein Smartphonedisplay vor der Nase habe, komme ich nicht umhin, mir einzugestehen, dass da wohl durchaus was dran sein könnte.

Schlimmer noch, ohne mein Smartphone fühle ich mich oft nackisch und unvollständig, habe Angst, irgendwas zu verpassen oder – hört, hört! – nicht erreichtbar zu sein. Dabei tut mir die ständige Dauerpiddelei gar nicht mal gut, im Gegenteil.

Zeitverschwenden für Dinge, die ich nicht brauche.
Und gar nicht wissen will.

Gerade über die sozialen Medien bekomme ich oft viel zu viele Informationen über Dinge, die ich gar nicht wissen will (z.B. „Was hat mein Nachbar zum Frühstück gegessen“), die mich belasten (z.B. Fotos von gequälten Tieren anderen sonstigen blutigen Schrecklichkeiten) oder schlichtweg nicht interessieren (z.B. Mountainbikezubehör-Testberichte).

Abgesehen davon, dass mir Zeit ja eigentlich das kostbarste Gut schlechthin ist und ich immer für alles zuwenig davon zu haben scheine (und es somit mehr als dummsinnig ist, diese Kostbarkeit auch noch sinnlos zu verdaddeln) ist unser Gehirn auch eigentlich gar nicht für die ständige Dauerberieselung unserer modernen Zeit gemacht.

Unsere Welt scheint nie zu schlafen, überall piept, klingelt und bimmelt es, und pausenlos muss der Hirnkasten Tonnen an Tönen, Bildern, Daten, Anforderungen und Aufforderungen verarbeiten. Zumindest MEIN Gehirn scheint aber eher aus der Zeit zu stammen, als man noch vor der Höhle am Lagerfeuer gehockt und in den Sternenhimmel geglotzt hat. Der dauernde Input macht mich oft müde, unkonzentriert und nervös.

(Was – man ahnt es schon – gar nicht mal unter „Einbildung“ fällt, sondern daran liegt, dass zuviele Reize den präfrontalen Kortex im Hirn belasten.)

Was hilft? So einfach wie genial: Einfach mal ab- und ausschalten!

Kurz: Aus und Raus!

Ich habe tatsächlich schon öfter versucht, „einfach mal“ ein paar Stündchen nicht aufs Handy zu glotzen und das Smartphone in der Tasche zu lassen, bin aber meistens kläglich gescheitert. Nur „mal schnell gucken“, ob es neue E-Mails oder Whats-App-Nachrichten gibt, oder mal „ganz fix“ Facebook auf neue, ho-hoooch-interessante Meldungen checken, oder…oder…und schon wieder ist ’ne halbe Stunde rum und mein Kopf brummt vor Lauter-Lauter.

Deswegen mach‘ ich es ab sofort anders – ich suche mir einen Tag aus, an dem ich garantiert nicht erreichbar sein oder noch nicht „mal eben den Routenplaner“ auf’m Handy anschmeissen muss. Das Smartphone bleibt aus und der PC auch. Und zwar für satte 12 Stunden – von 8 bis 20 Uhr.

Ende, aus, Mickymaus.

Und am allerbesten schaltet man in dieser Zeit einfach gleich alles ab, was das Hirn berieselt und beschwurbelt, also Radio, Fernseher, Telefon und was sonst noch so täglich vor sich hinplappert.
(Ehegatte und Kinder natürlich ausgenommen. So weit wollen wir ja nun doch nicht gehen.)

Von 8 bis 20 Uhr Zeit für Stille.
Und Dinge, die man immer mal tun wollte.

Und diese wunderbaren, kostbaren, köstlich-stillen 12 Stunden kann man nun für alles nutzen, was einem selbst und der mitunter so arg strapazierten Hirnstube guttut. Eine lange, entspannte Wanderung bei Doktor Wald würde sich natürlich mehr als anbieten, so wird der Hirnkasten gleich doppelt gepflegt.
Zum einen durch das Fehlen der digitalen Vermüllung, zum anderen durch die vielen tollen Eindrücke und Reize im Wald. Vogelzwitschen, Blättersäuseln, knackende Ästchen und ganz viel Ruhe und Stille.

Man könnte natürlich auch einfach in den Wald stapfen, sich auf eine gemütliche Bank flaggen und endlich in Ruhe das Buch verschmökern, dass schon ewig ungelesen auf dem Nachtisch liegt.

Oder sich in der Küche breitmachen und sich mal so richtig viel Zeit nehmen, um das Rezept nachzukochen, dass man so lange schon ausprobieren möchte. Und das (hoffentlich köstliche) Ergebnis hinterher auf ’ner schicken Blumenwiese in Gesellschaft vieler summender Bienchen verschnabulieren.
Alles geht, was geht – man hat ja schließlich satte 12 Stunden (Aus-)Zeit.

Auch wenn es eigentlich banal und simpel klingt – so eine Berieselungsauszeit ist wie ein Kurzurlaub für Kopf und Seele, man kann wunderbar regenerieren und auftanken für den ganz normalen Irrsinn des dudelnen, blinkenden, piependen Alltags.

Kommt mit – und seid dabei. So einfach ist das manchmal.

Photo by Esther Tuttle on Unsplash


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One thought on “8 bis 20 – oder „Aus und raus!“

  1. Bin wieder online und wollte kurz von meinen Erfahrungen zum Aus! Und Raus! – Tag erzählen. Da wir bereits am Sonntag eine tolle Wanderung gemacht hatten, habe ich mich für unseren Garten als Lieblings-Stille-Ort entschieden. Nachdem meine drei Männer instruiert waren (und froh, dass Mama jetzt mal endlich nicht so einen Stress am freien Tag macht 😉), habe ich entschieden, dass ich zu meiner vollständigen Glückseligkeit ein neues Beet brauche. Also haben wir ein Familienprojekt gestartet, gegraben, gehackt, geschleppt mit den Materialien, die verfügbar waren. Nach 6 Stunden waren wir fertig, ich aber auch 😁. Die bereitgelegte Lektüre habe ich links liegenlassen, habe mich an deine Worte erinnert und nix mehr getan: ab in den Liegestuhl, Rotwein in der Hand und 2 Stunden die Vögel beobachtet, die pikiert waren, da wir ihren Trinkbrunnen 2 Meter versetzt haben. War echt interessant, kenne sie jetzt alle persönlich. Bin dann doch glatt beim Betrachten der Wolken eingepennt! Nach einer warmen Dusche habe ich den Abend dann mit meinem aktuellen Roman ausklingen lassen. Mein Fazit: Gefehlt hat mir nix, war aber ja auch beschäftigt. Den ganzen Tag untätig sein, kann ich nicht. Aber ist ja schon mal ein Anfang etwas Schönes oder Kreatives zu schaffen statt online zu sein oder den Nachmittag vor dem TV zu verbringen, oder? P. S. Meine Männer dürften natürlich zwischendurch online 😉

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